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Analoge Erinnerungen und das Privileg der Fotografie

Fotografie ist nicht in jedem Fall gleichbedeutend mit Kunst. Sie ist im wohl überwiegenden Maße vor allem eine der einfachsten und handlichsten Möglichkeiten, um einmalige Erinnerungen festzuhalten. Ein ganzes Leben lässt sich mit kleinen Pixeln aufzeichnen und so ein Stück weit unvergesslich machen. Was man im Zeitalter der Digitalkamera aber tatsächlich vergisst, ist die Zeit vor CCD und Megapixel. Viele Jahrzehnte lang wurde nicht nur in meiner Familie analog fotografiert und wenn wir in gemütlicher Runde ein paar Fotos ansehen, dann sind diese aus der iPhoto Sammlung. So viele Momente zum Beispiel meiner Kindheit sind auf Papier und Negativ gebannt und haben noch nie auch nur ein einziges Bit gesehen. Und wenn ich darüber nachdenke, stelle ich fest, welches Privileg uns mit der digitalen Fotografie gegeben ist: Das einer unendlichen Bildergeschichte.

Unsere Familie ist, wie viele andere wohl auch, im Besitz ganzer Schränke voller Fotoalben und Fotoumschläge mit unzähligen Negativen, Fotos und auch Dias. Von Zeit zu Zeit in diesen Fotos zu stöbern, ist ein toller Zeitvertreib. Doch an allen analog gebannten Fotografien nagt irgendwann einmal der Zahn der Zeit – sie sind keine Medien für die Ewigkeit. Farben verblassen, Kratzer und Knicke entstehen und irgendwann ist das Ergebnis einfach nicht mehr zufriedenstellend.

Um diesem Vorgang entgegenzuwirken und weil die digital erfassten Erinnerungen auch viel weniger Platz benötigen als ein Schrank voller Diakästen, hat mein Vater sich einen DNT Film- und Diascanner gekauft. Da scannt man Negative und Dias einfach ein. Sie werden auf einer SD-Karte gespeichert und können dann am Rechner verarbeitet werden wie von einer Digitalkamera. Das ist eine sehr praktische Sache, denn so kann man langsam aber sicher auch Erinnerungen des letzten Jahrtausends in das digitale Millenium retten. Das manuelle Batch-Processing ist bei mehreren tausend Bildern sicher kein Zuckerschlecken; Dias werden immer vier auf den Träger gelegt, bei Negativen sind es zwei (also sechs Bilder). Aber auf den einen oder anderen Monat kommt es bei den Bildern ja auch nicht an. Und man muss eben ein gewisses Interesse mitbringen.

Und wenn man so die ein oder andere Stunde vor dem kleinen Wunderkasten verbringt (der ja eigentlich nichts besonderes ist), denkt man auch als Netzaffe darüber nach, welche Bedeutung diese A/D-Wandlung hat. Sie bedeutet nicht nur die Rettung von Fotos einer Generation in eine nächste, sondern, wenn gewünscht, in alle weiteren Generationen. Denn – wenn richtig abgelegt – garantiert mir die Digitalisierung eine unendlich lange Speicherung ohne weiteres Altern des Materials. Lege ich die Bilder zum Beispiel auf einem von Amazons S3 Servern ab, so haben wir es mit 99,999999999%iger Verlässlichkeit zu tun. Die Daten dann noch zu verlieren, benötigt schon großes Pech. Und ich meine — ist das nicht toll?! Noch vor einigen Jahren bestand das einzige Backup eines Fotos aus seinem Negativ. Und in vielen Fällen hat man sich über diese geringe Redundanz keine Gedanken gemacht und im schlimmsten Fall sogar nur die Papierfotos behalten und die Negative weggeworfen. Nach vielen Jahren bereut man das dann womöglich.

Seit ich nun bei der Nachbearbeitung und Restauration der alten Dias und Negative helfe, ist mir deutlich bewusst geworden, was für ein Schatz die Fotografie sein kann. Und ich denke auch daran, selbst wieder mehr Ereignisse fotografisch zu dokumentieren. Damit ich in 25 Jahren darüber reminiszieren kann. Und dabei dank der modernen Möglichkeiten kein bisschen auf die ursprüngliche Qualität verzichten muss. Mit der digitalen Fotografie muss diese Geschichte nicht früher oder später wieder im Dunkeln verschwinden. Sie kann ewig fortgesetzt werden. Und das ist das Privileg einer digitalen Gesellschaft. Also halten wir sie doch einfach fest: unsere Vergangenheit.